Kolbenschmidt-Projekt: Menschen mit Behinderung und Auszubildende lernen sich kennen
„Hier wird wirklich sehr professionell gearbeitet“
Die KS Kolbenschmidt GmbH in Neckarsulm startete gemeinsam mit der Beschützenden Werkstätte Heilbronn das erste Projekt zum Austausch von Auszubildenden und Menschen mit Behinderung zum wechselseitigen kennen lernen. Dabei stehen Menschlichkeit und soziale Kompetenz im Vordergrund.
Neun Auszubildende von Kolbenschmidt haben sich freiwillig zur Teilnahme an diesem Sozialprojekt gemeldet. An vier Standorten der Beschützenden Werkstätte Heilbronn arbeiten sie jeweils drei Wochen lang aktiv in Form eines Betreuungsprojektes mit und knüpfen dabei gleichzeitig Kontakte zu den dort beschäftigten Mitarbeitern mit Behinderung. Im Austausch dazu sollen diese jungen Leute ein Praktikum in der Ausbildungswerkstatt des Neckarsulmer Kolbenherstellers absolvieren – zwecks Einblick in die Arbeit in einem Industriebetrieb der freien Wirtschaft. Sie werden dann von den Auszubildenden betreut, die an diesem Projekt teilgenommen haben.
Der erste Kontakt wurde durch Pfarrer Rainer Hinzen geknüpft. Umgesetzt wurde das Projekt dann von Norbert Roth, dem technischen Ausbildungsleiter der Firma Kolbenschmidt, und Alfred Grimm, dem Leiter Arbeit und Integration für den Bereich Heilbronn (Heilbronn, Kirchhausen, Talheim und Bad Friedrichshall) bei der Beschützenden Werkstätte.
Sie überlegten im Vorfeld sehr gründlich, wie eine Integration der Auszubildenden in die Werkstatt möglich sein kann. Alfred Grimm berichtet: „Wir waren neugierig, wie unsere Beschäftigten mit den Auszubildenden zusammenarbeiten.“ Auch Norbert Roth war sich anfangs nicht sicher, wie die jungen Auszubildenden auf behinderte Mitmenschen reagieren.
Dass die beiden ein gelungenes Konzept in Form eines Betreuungsprojektes entwickelt haben, zeigte bereits die erste Runde des Austausches, die Mitte Oktober 2006 stattfand. Norbert Roth reflektiert die Vorbereitungen: „Bereits im Frühjahr machten wir eine Informationsveranstaltung zusammen mit den Auszubildenden. Filmmaterial und Vorträge vermittelten Näheres über die Tätigkeit in der Beschützenden Werkstätte und den sozialen Hintergrund. Im Herbst fand dann der erste Austausch statt; unsere Azubis arbeiteten in der Werkstatt am Standort Bad Friedrichshall mit.“
Der 18-jährige Kamil Kaiser, Werkzeugmacher im zweiten Lehrjahr, war einer der drei Auszubildenden, die an diesem Pilotprojekt teilnahmen: „Wenn man die Menschen hier kennen gelernt hat – es sind zum Beispiel auch Beschäftigte dabei, die zuvor einen ganz normalen Beruf ausübten und dann durch einen Unfall von heute auf morgen zu Behinderten wurden –, wird einem erst einmal bewusst, dass es jeden von uns treffen kann.“ Christian Bender, der den Beruf des Mechatronikers erlernt, ergänzt: „Außerdem wird man rücksichtsvoller gegenüber behinderten Menschen, wenn man einige persönlich kennen lernt. Bestimmt werden wir nun mit menschlichen Schwächen, die uns überall – also auch im Berufsleben – begegnen, anders umgehen.“
Die beiden jungen Kolbenschmidt-Azubis haben in Bad Friedrichshall zum Beispiel bei Planungsarbeiten mitgeholfen, so etwa bei der Erstellung einer technischen Zeichnung zum Bau von kleinen Metall-Lastkraftwagen. Sie haben zudem gelernt, den „Kollegen“ mit Behinderung ihr Fachwissen persönlich in einzelnen Arbeitsschritten zu vermitteln. Darin sieht Norbert Roth auch einen Vorteil für die berufliche Laufbahn der Auszubildenden: „Sie wissen nun, wie man Arbeiten, die einem ganz selbstverständlich erscheinen, schwächeren Menschen in kleinen Arbeitsschritten so näher bringen kann, dass sie dies aus ihrem Blickwinkel heraus verstehen.“
Dass es sich bei den Produkten, die von den Beschäftigten der Beschützenden Werkstätte bearbeitet werden, auch um hoch qualifiziertes Industriegut handelt, hat die drei ersten Teilnehmer positiv überrascht. Bereichsleiter Grimm erläutert: „Vor zwanzig Jahren waren wir allgemein nur als Hersteller einfacher Holzspielsachen oder Holzarbeiten bekannt. Inzwischen sind wir ISO-zertifiziert nach Industrienorm TS16949 zertifiziert, und entwickeln uns zunehmend über den Weg der verlängerten Werkbank zu einem Systemlieferanten der Industrie für qualifizierte Teile (z.B. Bordwerkzeug für Audi, Kühlerschlauchvormontage für die Firma Behr). Auch Kolbenschmidt gehört zu unseren Kunden. Verschiedene Komponenten aus dem Lieferprogramm werden bei uns konfektioniert.“
Qualifizierte Arbeiten wie diese haben Alexander Hefele beeindruckt, der in Bad Friedrichshall im Montagebereich unterstützend tätig war: „Die Beschäftigten sind so motiviert und froh, dass sie bei einer sinnvollen Arbeit Anerkennung finden, dass sie eine für uns unvorstellbare Geduld für sämtliche Anforderungen mitbringen.“ Auch die Teamarbeit sei stärker ausgeprägt und ein wesentlicher Faktor zum Erfolg. Alle drei Auszubildenden berichten ausschließlich Positives und empfinden die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen als Bereicherung. Sie würden jederzeit wieder an so einem Projekt teilnehmen.
Norbert Roth und Alfred Grimm sind sich einig, dass nur Projekte wie diese gegen eine auf dem Vormarsch befindliche „Ellbogengesellschaft ohne Rücksicht auf sozial schwache Menschen“ helfen werden. Grimm erkennt eine Steigerung der Sozialkompetenz: „Das war ein durchschlagender Erfolg.“ Roth ergänzt abschließend: „Das Ziel, dass die Auszubildenden künftig mit Rücksicht und ohne Vorbehalte auf hilfsbedürftige Menschen zugehen können, ist erreicht. Wenn die Menschen mit Behinderung dann zu uns kommen, werden sie ihrerseits eine Abwechslung im Arbeitsleben erfahren, die zur weiteren Integration in der Gesellschaft beitragen wird.“ kbr/Fotos: Petra Voigt
