Rede von Pfarrer Rainer Hinzen anlässlich der Grundsteinlegung

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Beschützende Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte Heilbronn e.V. ist eine diakonische Einrichtung, die neben Angeboten im Werkstatt- und Wohnbereich auch eine Tagesbetreuung entsprechend

§ 136 Sozialgesetzbuch IX, Absatz 3 anbietet. Dort heißt es:

„Behinderte Menschen, die die Voraussetzungen für eine Beschäftigung in einer Werkstatt nicht erfüllen, sollen in Einrichtungen oder Gruppen betreut und gefördert werden, die der Werkstatt angegliedert sind.“

Dabei handelt es sich um Menschen, die zwar erwachsen sind, aber deren intellektuellen Fähigkeiten sehr stark beeinträchtigt sind. Meist können sie sich nicht oder nur eingeschränkt sprachlich verständigen, die Kommunikation erfordert sehr oft ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Zeit und Aufmerksamkeit und ist immer von Fehldeutungen und Missverständnissen bedroht.

Die elementaren Lebensvollzüge im Bereich Hygiene, Ernährung und sozialem Miteinander brauchen oft erhebliche Unterstützung.

Oft sind mit einer so schweren geistigen Behinderung auch erhebliche körperliche Handicaps, wie spastische Lähmungen, Kleinwüchsigkeit und andere körperliche Behinderungen verbunden. Hinzu kommen hormonelle Erkrankungen oder Anfallsleiden.

Im Bereich des Verhaltens erleben wir immer wieder für uns schwieriges, sogenanntes aufforderndes Verhalten.

Die Besonderheit der Förder- und Betreuungsstätten für diese schwerst mehrfach behinderten Menschen ist, dass sie nur in einer Tagesbetreuung von professionellen, pädagogischen und pflegerischen Fachkräften betreut werden, während sie ihr sonstiges Leben im Kreis ihrer Familie führen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Eltern dieser Menschen ein bewundernswertes und nicht hoch genug zu veranschlagendes Engagement für ihre behinderten Kinder, teilweise bis ins hohe Alter erbringen.

Mit den Förder- und Betreuungsstätten unterstützt die Beschützende Werkstätte Heilbronn die betroffenen Familien und ermöglicht es den Eltern und Angehörigen, trotz einer sehr umfangreichen und intensiven Fürsorge für ihre schwer behinderten Kinder, Zeiten zu haben, in denen sie anderen Aufgaben und Verpflichtungen nachkommen können.

Wir haben in Heilbronn eine der ältesten Einrichtungen dieser Art in Baden-Württemberg. Bis zum Umzug untergebracht in einer ehemaligen privaten Hals- Nasen und Ohrenklinik am Stadtrand von Heilbronn, werden derzeit 23 schwerst mehrfach behinderte Menschen tagsüber betreut. Bei der Anmietung dieses Gebäudes vor etwa 20 Jahren war man froh, überhaupt ein entsprechendes Gebäude zu finden. Aus diesem Grunde hat man damals auch über bauliche Mängel hinweggesehen. Schon damals waren allerdings die Sanitärräume recht verbraucht und nicht behindertengerecht. In dem Gebäude sind viele Treppen und Höhenunterschiede zu überwinden, so dass für gehbehinderte und rollstuhlfahrende Menschen immer wieder unnötige Hindernisse auftauchen. Eigentlich müsste das Gebäude grundlegend saniert werden, was mit so hohen Kosten verbunden wäre, dass ein Neubau günstiger ist.

Die Notwendigkeit eines Neubaus wurde im Jahr 2001 von den beteiligten Behördenvertretern anerkannt. Die Planungen für die Beschützende Werkstätte sind gelaufen und ein Architekt wurde 2003 beauftragt.

Leider kam es nicht dazu, dass diese Pläne umgesetzt werden konnten, weil in der Zwischenzeit das Land Baden-Württemberg in Finanzierungsprobleme kam und keine Kostenzusage für die Bezuschussung dieses Baus geben konnte.

Erst im Jahr 2006 kam dann diese Förderzusage und wir konnten die notwendigen weiteren Planungsschritte starten.

Intensivere Betreuung - größerer Raumbedarf

Der Bedarf an Förder- und Betreuungsplätzen steigt stetig an. Unter den betreuten Personen sind immer mehr Rollstuhlfahrer und immer mehr Menschen, die aufgrund ihrer sehr individuellen Behinderungsart aufwändige Hilfsmittel benötigen. Dies hat nicht nur eine intensivere Betreuung zur Folge, sondern auch einen zunehmenden Raumbedarf und damit höhere Investitionen.

Im Laufe der langen, für uns überlangen Planungszeit kam es mittlerweile zu erheblichen Kostensteigerungen, so dass die ursprünglich veranschlagten bezuschussungsfähigen Gesamtkosten erheblich überschritten werden. Wir sind in diesem Zusammenhang unseren Spendern und Sponsoren sehr dankbar, insbesondere unserem Förderverein, der sich sehr ins Zeug legt, damit unsere Finanzierungslücke gedeckt wird.

Baubeginn war im März 2007, Fertigstellung ist voraussichtlich im April 2008. Es handelt sich um einen ebenerdigen, eingeschossigen Bau mit einer gesamten Nutzfläche von 644 qm. Ein direkter Zugang zu den umgebenden Gartenanlagen ist möglich. Das Raumangebot ist entworfen für 28 betreute Personen, aufgeteilt in vier Gruppen. Die Räume sind in überschaubare Einheiten gegliedert und erhalten eine wohnliche, gruppenfreundliche Atmosphäre. Die Ausstattung wird nach pädagogischen, therapeutischen und pflegerischen Gesichtspunkten ausgewählt und an dem Bedarf der zu betreuenden Menschen orientiert.

Allen, die daran beteiligt waren, dieses Projekt umzusetzen möchte ich herzlich danken.

Zuguterletzt gilt ja auch hier, wie bei allem, was wir anfangen, dass wir es nicht alles aus eigener Macht und Klugheit schaffen können, sondern immer angewiesen sind auf den Segen Gottes.


So wie es im Psalm 127 voller Weisheit und Glauben formuliert ist:

„Baut der Herr nicht das Haus, mühen sich umsonst, die daran bauen. Hütet der Herr nicht die Stadt, wacht vergebens, der sie behütet.“

R. Hinzen