Pfarrer Rainer Hinzen beim Dialog mit den Gründern am 15. Februar 2007

 

Dokumentation: Betroffenheit und bürgerliches Engagement

Pfarrer Rainer Hinzen im Rundfunkinterview

Pfarrer Rainer Hinzen beim Gründerdialog:

Sehr geehrte Gründungsmitglieder der Beschützende Werkstätte Heilbronn, Frau Binder, Herr Auweder, Herr Distelbarth, Herr Knirsch! Sehr geehrte Frau Dr. Freier, sehr geehrte Damen und Herren!

Erinnerungen an 1967 Erinnern Sie sich noch?

  • Erste Herztransplantation durch Christiaan Barnard in Kapstadt
  • Erste Mondlandung der USA mit unbemannten Raumfahrzeugen
  • 6-Tage Krieg im Nahen Osten, Vietnam Krieg auf dem Höhepunkt
  • 1967 war die große Koalition von CDU/CSU und SPD geführt von Georg Kiesinger ein paar Monate alt.
  • Mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg beginnt eine Politisierung der Studentenschaft in Deutschland, aus der dann die sog. 68’er Generation hervorgeht.

I. Betroffenheit und bürgerschaftliches Engagement

Man befand sich am Ausgang der Wirtschaftwunderjahre, Herr Distelbarth[1] wird in einer Festschrift der Beschützenden Werkstätte dazu zitiert: es sei den Heilbronnern damals zum ersten Mal möglich gewesen, vom neu Erarbeiteten etwas abzugeben, und das hätten sie auch gerne getan. Eine warme Welle der Menschlichkeit sei spürbar geworden.[2]

Diese Welle der Menschlichkeit war Folge eines breiten öffentlichen Einvernehmens darüber geworden, dass Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen Hilfe und gesellschaftliche Unterstützung brauchen.

Zunächst waren es die betroffenen Eltern und Angehörigen, stellvertretend dafür möchte ich Frau Binder, Herrn Auweder und Herrn Knirsch nennen, die auf ihre Situation aufmerksam machten. Sie waren im Grunde alleingelassen, fühlten sich vielfach überfordert, ja teilweise verzweifelt.

Das muss man betonen: vor Ausgestaltung des Sozialstaatsprinzips konnte man in der Heilbronner Stimme von der Not „verzweifelter Eltern“ lesen, verzweifelt, nicht nur wegen des schweren Schicksals, sondern auch, weil ihnen offenbar niemand helfen will.[3] Ein flammender Appell.

So gründeten sie Selbsthilfevereine, die Lebenshilfe, den Verein für „spastisch gelähmte und andere körperbehinderte Kinder Heilbronn“ und sie suchten und gewannen wichtige Unterstützer in der Bürgerschaft der Stadt.

Dann waren Bürger der Stadt da, die in Schlüsselpositionen waren und die etwas bewegen und gestalten konnten und die ließen sich berühren und ansprechen. Und ihr Engagement bestand nicht nur in unverbindlichen Floskeln. Stellvertretend dafür nenne ich Herrn Distelbarth, der mit der Heilbronner Stimme das Problem der behinderten Kinder zu einem öffentlichen Thema machte. Besonders engagiert und wichtig waren in dieser ersten Phase Herr Pfarrer Bechstein, der für Kirche und Diakonie stand und sich in hervorragender Weise engagierte, sowie Herr Dr. Kossmann, Vorsitzender des Selbsthilfevereins für spastisch gelähmte und andere körperbehinderte Kinder, sowie Herr Direktor Kimm als Vorsitzender der Lebenshilfe.

Bürgerschaftliches Engagement in Heilbronn. Lange bevor es den Begriff gab, gab es die Sache. Und viele wichtigen Körperschaften und Institutionen brachten sich ein.

Heilbronner Stimme 13.01.1967: “Auch die breite Öffentlichkeit ist stark an deren (‚Verhandlungen zwischen den Vereinen Lebenshilfe, Spastikerverein und Stadtverwaltung’) Fortgang interessiert. Wie nie zuvor bei einer solchen Angelegenheit hat – weit über die Laufzeit der Sammelaktion unserer Zeitung hinaus – die Bürgerschaft in Stadt- und Landkreis tätig ihre Anteilnahme an der Hilfe für diese kranken Menschen bewiesen.“

So konnte im November 1967 die erste Werkstatt ihren Betrieb aufnehmen in einem Gebäude, das die Stadt Heilbronn zur Verfügung gestellt hatte.

II. Anerkenntnis und Übernahme der Verantwortung durch Gesetzgebung: Sozialstaatsprinzip

An vielen Stellen in Deutschland gab es ähnliche Initiativen. So wurden die Beschützenden Werkstätten in ganz Deutschland gesetzlich verankert, finanziell abgesichert und inhaltlich festgelegt. ‚Beschützende Werkstätten’ wurden zu einem Baustein des Sozialstaates.

Unter dem Dach dieser gesetzlichen Grundlagenregelung konnte sich eine beachtliche fachliche Arbeit entwickeln. Werkstätten für behinderte Menschen passten sich den Forderungen aus den industriellen Bereichen an, wurden zu Orten der Qualifikation und der Persönlichkeitsbildung.

Die Ansätze der Arbeit entwickelten und erweiterten sich.

Pfarrer H-D Bechstein beschrieb zum 25-jährigen Jubiläum der Beschützende Werkstätte das Ziel der Einrichtung folgendermaßen:

„…behinderten Menschen sinnvolles Leben, helfende Begegnungen, heilende Bewegung und innere und äußere Geborgenheit, Zuneigung, Vertrauen und Achtung entgegenzubringen.“[4]

Diese Perspektive, die durch Zuwendung und Fürsorge geprägt war, wurde ergänzt und erweitert durch eine Perspektive, die ganz stark von den Teilhaberechten und den individuellen Lebensentwürfen der Menschen mit Behinderungen ausgeht. So lautet der erste Satz der Unternehmenspolitik der Beschützenden Werkstätte seit 2003:

„Menschen mit Behinderungen sollen ihr Leben unter angemessener Begleitung möglichst selbst bestimmen und verantworten können.

Dieser Grundsatz folgt für uns dem christlichen Menschenbild und der darin verankerten Freiheit und Würde jedes Menschen. Darin sehen wir uns auch den im Grundgesetz benannten Werten verpflichtet.

Wir wollen (… ) eine verantwortliche Balance finden zwischen dem Recht des Einzelnen auf selbstbestimmte Lebensgestaltung und unserer Verpflichtung zu Aufsicht und Fürsorge“[5]

Aus diesem Grund spielt für uns heute die Qualifikation der Mitarbeiter eine außerordentlich wichtige Rolle.

Auch Kooperationen sind wichtig:

  • Mit anderen Einrichtungen, damit Menschen mit Behinderungen ihre Möglichkeiten und Optionen erweitern können
  • Mit Firmen oder Persönlichkeiten wie Frau Carmen Würth, mit der zusammen wir das Anne-Sophie Haus auf den Weg gebracht haben
  • Mit Firmen wie Bürkert oder Kolbenschmidt, bei denen die Mitarbeiter auf sog. ‚Außenarbeitsplätzen’ arbeiten oder in gemeinsamen Projekten mit Auszubildenden zusammenkommen.

Im Bereich des Wohnens, der in den vergangenen Jahren stark ausgebaut wurde, steht die selbstbestimmte Teilhabe und die Unterstützung zu einem möglichst eigenständigen Leben im Vordergrund.

In all diesen Jahren waren die Menschen engagiert. Ehrenamtlich in den Gremien wie Verein, Verwaltungsrat, Angehörigenversammlung aber auch im Rahmen der Offenen Hilfen bei der Durchführung von Freizeitveranstaltungen, Bildungsmaßnahmen, Festen und Freizeiten. Hunderte Bürgerinnen und Bürger, die sich einbringen.

Die Werkstatt ist damit das gelungene Modell einer immer lebendigen produktiven Beziehung zwischen bürgerschaftlichem Engagement und sozialstaatlicher Verlässlichkeit der Hilfen.

Nicht vergessen darf man dazu auch die Verantwortung der Wirtschaft. Durch Aufträge und sonstige Zusammenarbeit übernehmen sie Mitverantwortung.

III. Bürger bilden den Staat

Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich unter anderem daran, in welchem Ausmaß die Bürgerinnen und Bürger sich an öffentlichen Aktivitäten beteiligen und in wiefern sie zu freiwilligem Engagement bereit sind. Je höher dieses ist, desto gefestigter ist die Zivilgesellschaft als Kern einer modernen Bürgergesesellschaft.

Die Verwurzelung der Beschützenden Werkstätte in der Bürgerschaft der Region ist Grund für Zuversicht im Blick auf die Zukunft

  • Die Heilbronner Geschichte der Beschützenden Werkstätte zeigt: Bürgerschaftliches Engagement und sozialstaatliche Verankerung bestanden und bestehen in einer stets produktiven Ergänzung.
  • Ein Rückzug des Sozialstaates wäre durch punktuelle, wohlwollende und engagierte freiwillige Hilfe nicht zu ersetzen -  die Selbsthilfevereine wären mit dem Ausbau einer verlässlichen, dauerhaften Hilfe in den 60’er Jahren genauso überfordert gewesen wie heute. Selbsthilfe und staatliche Organisation sind am wirkungsvollsten, wenn sie aufeinander bezogen arbeiten.
  • Ehrenamt ersetzt nicht professionelle Hilfe, sondern stößt sie an, fordert, stützt und ergänzt sie. Untersuchungen zum Ehrenamt 1999 und 2004 haben ergeben: Der Sozialstaat wird sichtbar als kollektive Identität, als Netzwerk sozialer Normalität, als Rückhalt und Hintergrundsicherheit sozialer Aktivierung und Teilhabe.
  • Die Befragungen haben aber auch ergeben, dass viele Menschen bereit sind, sich zu engagieren, weil sie sagen: „Ich möchte die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten.“[6]

Mit dem Dank und der Anerkennung gegenüber den Gründern der Beschützenden Werkstätte und allen, die sich seither engagiert haben verbinde ich darum die Zuversicht, dass auch in Zukunft ein breites gesellschaftliches Einvernehmen über Sinn und Notwendigkeit der Hilfen besteht und immer wieder Menschen sich berühren und ansprechen lassen, hier mitzutun.

[1] Damaliger Verleger der Heilbronner Stimme
[2] Marlene Maurhoff, Beschützende Werkstätte Heilbronn, Heilbronn 1992, Jubiläumsbuch
[2] Marlene Maurhoff, Beschützende Werkstätte Heilbronn, Heilbronn 1992, Jubiläumsbuch
[3] Rudi Fritz, Heilbronner Stimme Nr. 227, 1. Oktober 1965, Seite 9
[4] In Marlene Mauhoff, Beschützende Werkstätte Heilbronn 1992, S. 20
[5] Unternehmenspolitik Beschützende Werkstätte I Grundsätze, 2003
[6] Das sagen 66% der freiwillig Engagierten (voll und ganz) + 29% (teilweise).

Jubiläumsveranstaltungen:

  • 15. Februar: "40 Jahre in guten Händen - Eine Mut machende Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements". Dialog mit noch lebenden Gründern: Paul Auweder, Brigitte Binder, Frank Distelbarth, Manfred Knirsch LINK ZU PRESSE
  • 24. Juni: Dank-Gottesdienst in der Kilianskirche Heilbronn mit Prälat Hans-Dieter Wille (11 Uhr)

Weitere Infos:

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