Berichterstattung zum 40-Jährigen Jubiläum

 

Pressespiegel: „Mut machendes Beispiel erfolgreichen Bürgerengagements“

Heilbronner Stimme 23.1.2007
Bürger legten Grundstock für Beschützende Werkstätte
Heilbronner Behinderteneinrichtung verdankt ihre Gründung zupackenden Persönlichkeiten und Leserspenden

Von Ulrike Bauer

Berichterstattung in der Heilbronner Stimme 23.1.2007Heilbronn Kühne Gedanken hegte vor 40 Jahren eine Handvoll sozial verantwortungsbewusster Männer und Frauen im Unterland. Sie wollten für behinderte Menschen einen Ort schaffen, wo sie trotz ihres Handicaps arbeiten konnten. Eine „Beschützende Werkstätte“ war ihr Traum.

Verleger Frank Distelbarth und Chefredakteur Hermann Schwerdtfeger von der Heilbronner Stimme riefen 1966 die „Aktion Nächstenliebe“ ins Leben. Innerhalb weniger Monate spendeten die Leserinnen und Leser unserer Zeitung 177 000 Mark. Das war der finanzielle Grundstock für die erste Behindertenwerkstätte für geistig und körperlich Behinderte im süddeutschen Raum. Die alte Straßenbahnhalle beim Hauptbahnhof wurde ab November 1967 zum ersten „Quartier“ für zehn behinderte Menschen und drei Betreuer. Unter ihrem Gründer und Vorstand, Pfarrer Hans-Dieter Bechstein, expandierte sie in die ganze Region, wuchs und gedieh, Tagesstätten und Wohnheime kamen dazu. Bei Bechsteins Ausscheiden im Jahr 1996 arbeiteten knapp 800 Menschen mit Behinderung dort, betreut von 200 Mitarbeitern. Ihr guter Ruf klang weit ins Land hinaus.

Vor elf Jahren übernahm Pfarrer Rainer Hinzen die Verantwortung. Er richtete die Werkstätten auf die Anforderungen der Zukunft aus. Ging Behindertenhilfe früher davon aus, dass diese Menschen behütet, beschützt und vor Gefahren bewahrt werden müssen, steht heute der selbständige und selbstbestimmte Mensch mit Behinderung im Mittelpunkt, der in allen Bereichen seines Lebens teilhaben und mitbestimmen soll.

Eine neue Organisations-Struktur für den Werkstätten-Verbund mit sieben Standorten in der Region Heilbronn-Franken, 300 Wohnplätzen und über 1100 Mitarbeitern sowie 400 Betreuungskräften gehört ebenso dazu wie die Orientierung an der Aufgaben-Trilogie „Arbeit - Bildung - Wohnen“. Leitmotiv: „In guten Händen“.

Begriffe wie Qualifizierung, Außenarbeitsplätze oder „Wohnen in Nachbarschaft“ spielen im Sinne der „Teilhabe“ eine wichtige Rolle. Pfarrer Hinzen: „Die Aufgaben der Beschützenden Werkstätte wandeln sich. Als lernende Organisation ist sie im ständigen Anpassungsprozess.“

Zum 40. Jahrestag der Vereinsgründung, am morgigen Mittwoch, 24. Januar, 15 Uhr, wird in der Längelterstraße 188 in Böckingen zurück und voraus geblickt. Gründungsmitglieder, Verwaltungsrat und Vorstand beschäftigen sich im Dialog mit der „Mut machenden Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements“. Weitere Veranstaltungen zum Jubiläum folgen.

 

Heilbronner Stimme 5.2.2007
Lust am Tanz und an der Verkleidung
Zum 39. Mal feiern die Binswanger Boschurle in der Beschützenden Werkstätte Heilbronn Fasching

Von Maria-Theresia Heitlinger

Heilbronner Stimme 5.2.2007Heilbronn Die Beschützenden Werkstätten Heilbronn werden 40 Jahre alt - und seit 39 Jahren feiern die Binswanger Boschurle Fasching in der Einrichtung für behinderte Menschen.

Der Nachmittag ist für alle Beteiligten ein Höhepunkt. Für den Verein, der unter der Leitung von Präsident Robert Schübel mit seiner ganzen Riege am Samstag aufmarschiert und eine Rakete nach der anderen in den Faschingshimmel steigen lässt. Für die Beschützenden Werkstätten, die nach Angaben ihres Geschäftsführers Pfarrer Rainer Hinzen ansonsten keine Sonderveranstaltungen in Böckingen durchführen.

Schließlich für die behinderten Menschen selbst: Viele haben sich aufwändig kostümiert und geschminkt, gehen als Seemann, Indianer, Pippi Langstrumpf oder Fußballer, bevölkern als Räuber Hotzenplotz, Clown, im eleganten Jacket oder im feschen Dirndl die Tanzfläche. Etwa 250 Besucher sind aus Heilbronn, dem Kreis Schwäbisch Hall und dem Hohenlohe-Kreis gekommen, schätzt Rainer Hinzen. Das entspricht knapp einem Viertel der Menschen, die in den Beschützenden Werkstätten beschäftigt sind.

Die Erziehung zu autonomen Handeln und zu Selbstständigkeit, wichtigster Grundsatz der Einrichtung, ist spürbar. Viele der Behinderten haben sich allein auf den Weg gemacht und die Stadtbahn oder den Bus benutzt, um rechtzeitig nach Böckingen zu kommen. Bei Christina, die mit der 38-jährigen Heidrun und der 63-jährigen Gabi in einer Außenwohngruppe am Heilbronner Karlstor lebt, wurde gar die Zeit knapp. Zwar hat es den Dreien noch gereicht, sich wunderhübsch zu kostümieren, allerdings hat Christina, die als gute Fee der Prunksitzung beiwohnt, ihren Stab vergessen. „Sonst wär’ uns der Bus raus“, sagt die 42-Jährige. Und das wollten die Frauen, die jahrzehntelang in den Beschützenden Werkstätten arbeiten, auf gar keinen Fall. Denn „die Atmosphäre ist gut und wir lernen neue Menschen kennen“, sagen die Drei unisono, bevor sie herzhaft in ihre Berliner beißen.

Dass die Binswanger Boschurle im nächsten Jahr wiederkommen, steht für Robert Schübel außer Frage. Anlässlich des 40. Besuchs wollen die Binswanger „einen Elferrat mit den behinderten Menschen gründen“, verrät Schübel. Ausgestattet mit Mützen und Jackets und allen Pflichten, die ein Elferrat so hat. Dass die Behinderten das schätzen, haben sie am Samstag bewiesen: Mit Polonaise-Tanz und kräftigen Helau-Rufen.

 

Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung 16.2.2007
Gegründet und getragen von der Bürgerschaft
Die Beschützende Werkstätte schaut mit vier Gründungsmitgliedern 40 Jahre zurück

Von Ulrike Bauer

Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung 16.2.2007HEILBRONN Unvorstellbar: Bis spät in die sechziger Jahre hinein gab es im Raum Heilbronn keinen Ort, wo Menschen mit einer Behinderung hätten arbeiten können. Beschützende Werkstätten gab es nur im Ausland. Behinderte lebten mehr oder weniger versteckt bei ihren Familien. Die Mehrzahl der Bürger wollte mit ihnen nichts zu tun haben - eine Folge des Dritten Reichs mit seinen Vernichtungsaktionen von „unwertem Leben“. Sozialgesetze und Behindertenförderung im heutigen Stil: Fehlanzeige.

Unter diesem Klima taten sich in Heilbronn Eltern behinderter Kinder in ihrer Not und Verzweiflung zusammen. Erst gründeten sie den Verein Lebenshilfe für Geistigbehinderte, dann den Spastikerverein für Körperbehinderte. Ihr Ziel: eine Beschützende Werkstätte, in der ihre behinderten Angehörigen arbeiten und betreut werden konnten. 1967 war es soweit: In einer alten Straßenbahnhalle konnten die ersten zehn Behinderten eine Arbeit aufnehmen.

Möglich gemacht hatten dies engagierte Bürger sowie die Leserinnen und Leser der Heilbronner Stimme. Über 200 000 Mark kamen damals bei der Aktion „Nächstenliebe“ zusammen. Der spätere HSt-Chefredakteur Werner Thunert organisierte ein rauschendes Fest zur Übergabe des Schecks an Diakoniepfarrer Hans-Dieter Bechstein, dem später langjährigen Leiter der Einrichtung. Im Jubiläumsjahr der Behinderteneinrichtung plauderten jetzt vier Gründungsmitglieder des Vereins „Beschützende Werkstätte“ über die Aufbruchstimmung in den sechziger Jahren: Brigitte Binder (81), Paul Auweder (87), Manfred Knirsch (82) - alle Eltern behinderter Kinder - sowie Frank Distelbarth (78), Altverleger der Heilbronner Stimme.

Viel Lob ging an die Adresse der Lokalzeitung. „Die HSt hat die Menschen wachgerüttelt und ihre Herzen und Geldbeutel geöffnet,“ freut sich Manfred Knirsch bis heute. Frank Distelbarth erinnert sich gut: „Die Zeit war reif und die Menschen bereit, etwas von ihrem Geld abzugeben. Die Zeitung hat dies aufgegriffen und glaubwürdig transportiert.“

Die Welle der Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit überraschte alle. Männer der ersten Stunde waren außer Pfarrer Bechstein, Dr. Erich Koßmann, damals Leiter des Gesundheitsamts sowie Willy Kimm, Direktor der Kreissparkasse Heilbronn.

Viel Überzeugungsarbeit gab es damals zu leisten. Es galt die Herren in der Stadtverwaltung ins Boot zu holen, Widerstände von Eltern Körperbehinderter zu überwinden, die Vorbehalte gegen Geistigbehinderte hatten. „Es gab viel Unwissenheit, große Realitätsferne und auch viel Herzlosigkeit bei Politikern und Behörden“, erinnert man sich.

Auch Jahre später, als es galt, neue Wohnformen für Behinderte zu bauen und zu finanzieren, traf man erst mal auf Ablehnung. Bis heute sind die Beschützenden Werkstätten auf bürgerschaftliches Engagement angewiesen. Als große nahende Aufgabe sehen die Einrichtungen im Land die Versorgung alt gewordener Behinderter, die jetzt in Rente sind. Für sie fehlt es überall an geeigneten Betreuungs- und Pflegestrukturen.

 

Heilbronner Stimme 17.2.2007
Stadtansichten von Iris Baars-Werner
Sorgen. Zunehmend unter Druck geraten die Behinderteneinrichtungen. Weil die Verwaltungsreform im Lande das Ende des Landeswohlfahrtsverbandes einläutete, wird derzeit in den Stadt- und Landkreisen die Behindertenbetreuung neu geordnet. Ambulant vor stationär erscheint manchem Politiker als die Patenlösung des Problems - vor allem aus finanziellen Gründen. Doch die Faustregel, wonach die Betreuung außerhalb einer stationären Einrichtung stets die preisgünstigere ist, stimmt nicht immer. In manchem Heim sind Behinderte wegen ihrer größeren Zahl und der damit verbundenen Synergieeffekte kostengünstiger zu betreuen, als wenn dezentral Individuallösungen zu finanzieren sind. Und umgekehrt: Manchmal ist die teure Einzellösung besser für den Betroffenen. Gut beraten sind die Politiker, sie holen sich den über vier Jahrzehnte gewachsenen Rat der Beschützenden Werkstätte ein.

 

epd 21.2.2007
40 Jahre bei der Beschützenden Werkstätte Heilbronn „in guten Händen“
„Mut machendes Beispiel erfolgreichen Bürgerengagements“

Heilbronn (epd). Mit der Gründung des Vereins „Beschützende Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte Heilbronn e.V.“ begann vor 40 Jahren

 eine „Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements, die uns Mut macht für die Zukunft“, wie Pfarrer Rainer Hinzen als geschäftsführender Vorstandsvorsitzender heute feststellt.

Auf eine große Feier hat der Vorstand verzichtet. Im Juni wird mit einem Dank-Gottesdienst dieses Bürgerengagement gewürdigt. Mit vier noch lebenden Gründungsmitgliedern im Alter zwischen 78 und 87 Jahren haben Pfarrer Hinzen und die Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Bärbel Freier jetzt einen interessanten Dialog geführt

In den Erinnerungen von Paul Auweder, Brigitte Binder, Frank Distelbarth und Manfred Knirsch wurde deutlich: Vor 40 Jahren haben Menschen Anteil genommen an der Not Anderer. Sozialgesetze im heutigen Sinne und Orte, an denen behinderte Menschen hätten arbeiten können, gab es nicht. Ihr Leben spielte sich zuhause ab - mehr oder weniger versteckt.

Betroffene hatten die Vereine „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind Heilbronn“ (Vorsitzender Willy Kimm, Direktor der Kreissparkasse Heilbronn) und „Spastisch gelähmte und andere körperbehinderte Kinder Heilbronn e.V.“ (Vorsitzender Dr. Erich Koßmann, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes) gegründet. Die „Aktion Nächstenliebe zugunsten einer Beschützenden Werkstätte für geistig und körperlich behinderte Kinder“ der „Heilbronner Stimme“ setzte dann mit 174.000 Mark den Grundstein. „Ohne die Medien wären die Menschen nicht bewegt worden“, erinnert sich Manfred Knirsch. Verleger Frank Distelbarth zur Aufklärungsrolle der Zeitung: „Durch unsere Berichterstattung wurde klar, dass sich etwas ändern muss.“

Unwissenheit und Realitätsferne, manchmal auch Herzlosigkeit und Ablehnung mussten überwunden werden. Verwaltungen und Politiker sorgten eher für Verzweiflung als für Unterstützung. Auch heute noch gilt es nach Meinung von Bärbel Freier, für den Erhalt des sozialen Status zu kämpfen. Erfolgreiches Bürgerengagement dürfe den Staat nicht aus der Verantwortung entlassen.

Am 15. November 1967 eröffneten Pfarrer Hans-Dieter Bechstein und Diakon Dieter Frank in Heilbronn die Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Sie wurden von der Nachfrage überrollt. Zweigwerkstätten folgten 1971 in Lauffen, 1972 in Schwäbisch Hall), 1973 in Crailsheim, 1976 in Ingelfingen und 1994 in Bad Friedrichshall. Das erste Wohnheim für Behinderte eröffnete 1976 in der Heilbronner Goethestraße.

Seit 1996 richtet Bechsteins Nachfolger Pfarrer Rainer Hinzen die Beschützende Werkstätte auf die Anforderungen der Zukunft im Sinne eines selbst bestimmten Lebens der Menschen mit Behinderung aus. Unter dem Leitmotiv „In guten Händen“ spielen Begriffe wie Qualifizierung, Außenarbeitsplätze, verlängerte Werkbank, Partner der Industrie oder „Wohnen in Nachbarschaft“ und Persönlichkeitsbildung eine wichtige Rolle. Pfarrer Hinzen: „Wir sind im ständigen Anpassungsprozess.“ Er sieht aber auch voraus: „Ältere Menschen mit Behinderung werden unser drängendes Thema der Zukunft.“

Jubiläumsveranstaltungen:

  • 15. Februar: "40 Jahre in guten Händen - Eine Mut machende Erfolgsgeschichte bürgerschaftlichen Engagements". Dialog mit noch lebenden Gründern: Paul Auweder, Brigitte Binder, Frank Distelbarth, Manfred Knirsch LINK ZU PRESSE
  • 24. Juni: Dank-Gottesdienst in der Kilianskirche Heilbronn mit Prälat Hans-Dieter Wille (11 Uhr)

Weitere Infos:

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