Standpunkte
Verbindungen. Wo bleiben die Menschen mit Behinderungen?
Impulsreferat zum Europäischen Tag der behinderten Menschen am 3. Dezember 2007Rainer Hinzen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie – die Mitglieder der Regionalen Arbeitsgemeinschaft der Werkstatträte - haben mich eingeladen, zum Thema „Verbindungen. Wo bleiben die Behinderten?“ zu sprechen.
Ich weiß, dass die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer aus Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) kommen, darum habe ich mich auch bemüht, einfach zu sprechen. Ich muss aber gestehen, dass das gar nicht so einfach ist. Ich habe gemerkt, wie oft ich Fremdwörter benutze oder lange Sätze mache. Bitte sehen Sie mir das nach.
„ZDF“ oder Zahlen, Daten, Fakten
Wirklich zutreffende Zahlen zu bekommen ist sehr schwer.
Die Zahlen, die ich gefunden habe, stammen fast alle vom Jahr 2005.
Es sind Zahlen des Statistischen Bundesamtes (info1)Lebenslagen der behinderten Menschen, Ergebnis des Mikrozensus 2005, Wirtschaft und Statistik 12/2006
Es sind Zahlen des KVJS (info2)Daten des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg von 2005 . Weil aber nicht alle Landkreise, die der KVJS gebeten hat bei der Erhebung mitgemacht hat, sind die Zahlen nur so ungefähr richtig.
Also die meisten Zahlen, die ich jetzt nenne stimmen nur so ungefähr, weil man sie nicht genauer ermitteln kann.
So kann man sagen, dass etwa jeder 10. Einwohner in Deutschland als behindert anerkannt war, das sind über 8 Mio Menschen. Die meisten davon hatten eine Anerkennung als Schwerbehinderte (info3)Menschen gelten entsprechend dem SGB IX als behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Normale Alterserscheinungen sind somit keine Behinderungen im Sinne des SGB IX. Personen, deren Grad der Behinderung mindestens 50 beträgt, gelten als Schwerbehinderte; zitiert aus: Lebenslagen…a.a.O .
Wieviele Menschen aber tatsächlich behindert waren in Deutschland, wissen wir z.B. auch deswegen nicht, weil manche Menschen sich gar nicht so fühlen und darum auch nicht melden.
Wenn wir die Zahlen für Baden Württemberg anschauen, so können wir sagen, dass es in Baden Württemberg etwa 730.000 schwerbehinderte Menschen gibt (info4)Fallzahlen in der Eingliederungshilfe nach dem SGB XII für 2005, November 2006. Fallzahlen der Eingliederungshilfe nach dem SGB XII für 2006, November 2007 .
Die Statistiker haben festgestellt, dass Menschen mit Behinderungen, die zwischen 15 und 65 Jahren alt sind, nur zu 30% erwerbstätig sind. Alle anderen zwischen 15 und 65 sind zu 70% erwerbstätig. (info5)Lebenslagen, a.a.O., S. 1270
Man kann es auch so sagen: Für einen Mensch mit Behinderungen ist das Risiko arbeitslos zu sein doppelt so hoch wie für alle anderen Menschen. (info6)Zitiert aus „Eingliederung von Menschen mit Behinderungen. Europas Strategie für Chancengleichheit. Amt für Veröffentlichungen, 2007, S. 3
In Baden Württemberg erhielten etwa 48.000 Menschen Eingliederungshilfe von Städten und Landkreisen, das sind etwa 5 von 1000 Einwohnern/Bürgern.
Eine Gruppe von Menschen mit einer geistigen, körperlichen oder seelischen Behinderung haben es noch einmal schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden als alle anderen Menschen mit schweren Behinderungen. Darum konnten 24.500 von diesen Menschen eine Werkstatt für behinderte Menschen besuchen. (info7)Fallzahlen der Eingliederungshilfe nach dem SGB XII für 2006, November 2007
Etwa 20.000 Menschen wohnten in stationären Wohnformen.
In Baden Württemberg ist die Zahl der Menschen, die von Städten und Landkreisen Eingliederungshilfe erhalten, niedriger als in den meisten anderen Bundesländern. Außerdem sind die Hilfen nicht so teuer, so dass es in ganz Deutschland nur noch ein Bundesland gibt (Sachsen), in dem weniger Geld pro Einwohner für Menschen mit Behinderungen ausgegeben wird. (info8)Fallzahlen Baden-Württemberg 2005: 84 €/Einwohner; Durchschnitt BRD: 121 €/Einwohner. Fallzahlen Baden-Württemberg 2006: 99 €/ Einwohner; Durchschnitt BRD: nicht genannt.
…die Verbindung wurde leider unterbrochen
Ich möchte nicht ganz allgemein über Nachteile und Hindernisse reden, sondern Sie selbst zu Wort kommen lassen. Sie haben mir eine Reihe von Problemfeldern benannt, die ich jetzt nur kurz ansprechen möchte:
Klage (info9)Zitiert aus einer e-mail des Vorstands der RAG WfBM vom 24. Oktober 2007-
Keine normalen Verbindungen – oftmals schon nach der Geburt durch Abschiebung in Sonderkindergarten und Sonderschulen
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Durch die Behinderung sind oft auch soziale Kontakte unmöglich, weil viele Menschen oft sogar aus der eigenen Familie die Verbindungen und den Kontakt zu Menschen mit Behinderungen scheuen.
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Kaum wirklich Integration auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
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Es werden zwar von Firmen Praktika und Außenarbeitsplätze angeboten, doch in den meisten Fällen müssen die Menschen wieder zurück, meist in den BBB einer Werkstätte
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Geringer Lohn, auch bei Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld werden von den Kostenträgern Abzüge vorgenommen.
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Durch diese geringen Löhne sind die meisten Menschen mit Behinderungen Menschen in einer Bittstellerrolle
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Oftmals wird auch von Kostenträgern die Eigenschaft bei Menschen mit Behinderungen angezweifelt, ja sogar abgelehnt, wenn es z.B. um die Aufnahme in den Berufsbildungsbereich, sprich die Eingliederungshilfe generell geht.
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Viele fallen durch unser soziales Netz
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Dies hat zur Folge, dass für die meisten schon finanziell kaum eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist, um z.B. hin und wieder ins Kino oder ins Theater zu gehen, zu Reisen oder sonstigen Freizeitaktivitäten zu gestalten oder Mitglied in einem Verein zu werden.
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Wobei auch hier uns bekannt ist, dass viele Vereine, die von Menschen mit Behinderungen angefragt werden, diese Menschen nicht aufnehmen wollen.
Ihre Erfahrung ist also, dass das mit den normalen Verbindungen und Beziehungen nicht so gut funktioniert.
Bemerkenswert finde ich dabei, dass auch diejenigen, die es eigentlich gut meinen und gut machen wollen für Sie an manchen Punkten auch Hindernisse aufbauen:
- Familien
- Einrichtungen
- Kostenträger
Dazu kommen dann Erfahrungen mit einer Umwelt, die keine Rücksicht nimmt oder Sie bewusst ausgrenzt.
„Es könnte alles so einfach sein – isses aber nicht“
Es leuchtet unmittelbar ein, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Träume, Wünsche und Bedürfnisse habe, wie jeder nichtbehinderte Mensch. Das ist ganz einfach.
Aber was sich da so einfach anhört, ist mit erheblichen Veränderungen und hohen Kosten verbunden.
Und da wird es dann schwierig..
Drei Beispiele möchte ich als Impuls nennen:
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Bildung in der Regelschule. Viele haben es erlebt, wie schwierig und manchmal auch quälend es war, wenn ein behindertes Kind in der Regelschule ohne ergänzende Lehrkraft einfach nur dabei war. Um die Chance auf gleichen individuellen Zugang zur Bildung zu haben braucht es zusätzlich Lehrer zu individuellen Unterstützungsleistungen.
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Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Dieser ist geprägt von Leistungsdruck und Wettbewerb. Auch hier benötigen Menschen mit Behinderungen oft eine individuelle Unterstützung und zwar nicht nur kurzfristig und punktuell.
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Das Thema Barrierefreiheit für bestehende Gebäude, z.B. für den Bahnhof in Heilbronn oder einen bestehenden Fuhrpark, z.B. Busse in Heilbronn ist mit großen Investitionen verbunden, die die Betreiber erst einmal scheuen.
Die Europäische Kommission hat vor kurzem eine kleine Broschüre veröffentlicht, die Europas Strategie für Chancengleichheit erläutert. Dort wird gesagt:
„Da behinderte Menschen in der Regel die eine oder andere Form von Unterstützung oder Pflege benötigen, gibt es Arbeitskräfte (Berufe und Dienstleistungserbringer), die diese Bedürfnisse erfüllen. Durch die Erbringung dieser Dienstleistungen schaffen die Dienstleistungsanbieter Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Nutzen.“ (info10)„Eingliederung von Menschen mit Behinderungen. Europas Strategie für Chancengleichheit.“, Amt für Veröffentlichungen, Europäische Gemeinschaften, 2007, S. 2
Notwendige Unterstützung und Pflege kostet also immer Geld.
Es könnte also alles ganz einfach sein - wenn die Städte und Landkreise unbegrenzt Geldmittel zur Verfügung hätten.
So gibt es z.B. in Schweden keine Werkstätten für behinderte Menschen und keine Heime. Aber die Kosten sind dort etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Und es gibt sehr viele Menschen mit Behinderungen, die überhaupt keinen Arbeitsplatz haben, insbesondere die schwerer behinderten Menschen finden kein Arbeitsangebot. Auf einer Tagung vor einigen Monaten haben uns deswegen Fachleute aus Schweden gesagt, dass sie uns in Deutschland um unsere Werkstätten für behinderte Menschen beneiden.
Da wir nur begrenzte Geldmittel zur Verfügung haben, müssen wir mit zweit- und drittbesten Lösungen leben, müssen sehr gute und weniger gute Lösungen mischen und müssen uns immer wieder ganz mühsam Gedanken machen, wie wir trotzdem dazu kommen, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Rechte und Chancen haben wie nichtbehinderte Menschen.
Miteinander ein Netz knüpfen
Vor vielen Jahren habe ich mit meinen Konfirmanden ein Lied gesungen, in dem die Zeile vorkam: „…wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen miteinander ein Friedensnetz…“ Was wir brauchen, ist ein Unterstützungs- und Hilfenetzwerk. In diesem Netzwerk müssten bürgerrechtliche Bedürfnisse und Forderungen vieler behinderter Menschen mit gesellschaftlicher Realität verbunden und verknüpft werden:
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Sie möchten selbst entscheiden, wo sie leben
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Sie möchten alle Dinge – auch technische Geräte – gut benutzen können, ohne Hindernisse (Treppen, kleine Tasten, schwierige Anleitungstexte, Stufen bei Bussen und Bahnen usw.)
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Sie möchten die gleichen Rechte haben
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Sie möchten die gleichen Chancen in Beschäftigung und Beruf haben
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Sie möchten möglichst ohne Sondereinrichtungen auskommen (Sonderkindergarten, Sonderschulen, WfBM, Wohnheime)
Ich glaube, dass die meisten Verantwortlichen in den Einrichtungen und auch in der Politik großes Verständnis für diese Forderungen haben.
Wie also könnten wir alle ein solches Netzwerk miteinander knüpfen?
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Wir müssten alle gemeinsam nach den Anknüpfungspunkten in Familien, Freundeskreisen, Nachbarschaften, Schulen und Betrieben schauen. Viele Menschen würden helfen, wenn es für sie überschaubar ist. Verbindungen müssen hergestellt oder wiederbelebt werden. Immer wieder gibt es z.B. Väter und Mütter, die bei ihren Arbeitgebern darauf hinwirken, dass ihr behinderter Sohn oder die behinderte Tochter einen Arbeitsplatz bekommt.
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Es müssen mehr gemeindenahe Dienstleistungen entwickelt werden, damit Menschen mit Behinderungendas für ein Leben in der Gemeinschaft erforderlich Maß an Sicherheit, Freiheit und Unabhängigkeit erhalten. Dabei könnte das Persönliche Budget wichtige Impulse geben.
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Zugänge zu Bussen und Bahnen, zu Behörden und Ämtern, Geschäften und Freizeiteinrichtungen müssen hindernisfrei gestaltet werden.
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In vielen Fällen werden in Deutschland auch weiterhin Sondereinrichtungen wie Sonderschulen, WfBM, Wohneinrichtungen sinnvoll und gut sein. Sie dürfen sich aber nicht als eigene kleine Sonderwelten verstehen, sondern sollen so organisiert sein, dass sie den Menschen möglichst viele Anknüpfungspunkte und viele Verbindungen ermöglichen.
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Mitgestaltungsmacht– z.B. im Rahmen des Werkstatt- oder Heimbeirates – ist unbedingt erforderlich.
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Ein Gedanke der Europäischen Union ist dabei hilfreich. Wenn die Europäische Union etwas macht, also Gesetze, Regeln und Verträge, dann soll von Anfang auch mit bedacht werden, was das für behinderte Menschen bedeutet (info11). Konzept des „Disability Mainstreaming“ im Vertrag von Amsterdam: Art. 13 EGV, zitiert aus „Einfach Europa?!Einführung in die europäische und internationale Behindertenpolitik“, Netzwerk Artikel 3 e.V. (Hg.), Berlin, 2006, S. 10 + 11 Auf uns übertragen bedeutet das, dass wir bei allen Plänen in Stadt und Landkreisen immer von Anfang behinderte Menschen mitbedenken Z.B. jetzt bei der Bundesgartenschau, bei der Planung weiterer S-Bahn Strecken oder bei der Sanierung von Stadtgebieten. Verantwortliche müssen rechtzeitig und immer wieder darauf hingewiesen werden.
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Wir müssen auch gemeinsam darüber nachdenken, wo denn behinderte Menschen sich einbringen können, z.B. im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit.
Nun lade ich Sie zum Schluss ein, an diesen Impulsen weiterzudenken. Vieles konnte ich nur andeuten, manches musste ich auslassen. Ich wünsche uns, dass das Netz weder zerreisst, noch dass wir uns darin verheddern.
Ich bin wirklich gespannt auf das, was jetzt von Ihnen allen heute hier eingebracht wird.
Heilbronn, 3.12.07
R. Hinzen
